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Ausstieg aus dem Berufsleben mit 57?

Jedes Mal, wenn eine Reise zu Ende geht, denken wir, wie schön es doch wäre so ohne Zeitdruck zu reisen. Mich hat noch nie Heimweh geplagt, aber immer wieder Fernweh. Das Packen am letzten Tag ist jedes Mal eine Qual, weil man sich noch so viel ansehen will und eigentlich gar nicht zurück möchte.

Was ist aus den Träumen geworden, die man als Jugendlicher hatte? Einmal von Alaska nach Feuerland, mit dem VW-Bus durch Afrika, …. die Welt sehen, fremde Kulturen kennenlernen und den Daheimgebliebenen von den Abenteuern erzählen.

Bei einem Nine-to-Five-Job kann man eigentlich nur abends davon träumen. Ich habe es immerhin geschafft, mir die Freiheit nehmen zu können, über den Jahreswechsel 4 Wochen am Stück Urlaub zu machen. Dafür muss ich im Sommer die Urlaubsvertretung für alle anderen Kollegen machen und zehre ein ganzes Jahr lang von dem letzten Urlaub.

Irgendwann fragte ich mal meine Frau bei einem Glas Wein, wo sie noch überall hin möchte. Für sie klang die Frage erstmal absurd. Auf mein Drängen hin, erstellte sie eine Liste und schrieb dahinter die übliche Reisezeit von 4 bis 6 Wochen. Am Ende war die Liste so lang, dass wir über 3 Jahre lang nonstop reisen müssten, ohne irgendeine längere Pause (z.B. ein paar Tage am Strand) eingeplant zu haben. Also im Prinzip ist es unmöglich, auch nur einen Bruchteil der Länder auf der Liste innerhalb der nächsten 10 Jahre (wir müssen ja offiziell bis 67 arbeiten) bei 30 Tagen Urlaub im Jahr bereisen zu können.

Als ich das erste mal darüber nachdachte, mit dem Arbeiten aufzuhören und auszusteigen, stellte ich mir unwillkürlich die Frage, ob das nicht nur eine Midlifecrisis ist. Wikipedia sagt zur Midlifecrisis „Mit dem Begriff Midlife-Crisis meint man einen psychischen Zustand der Unsicherheit im Lebensabschnitt von etwa 30 oder 40 bis 55 Jahren … als Auslöser ist die Erkenntnis der eigene Sterblichkeit … als Symptome ein Erstarken der Religiosität, sexuelle Promiskuität, eine plötzliche Unfähigkeit, das Leben zu genießen, eine hypochondrische Besorgnis über Gesundheit und Körper sowie zwanghafte Versuche jung zu bleiben.“ Es ist also das Hinterfragen der eigenen Lebensziele in Relation zu der Verwirklichung. Ein Zurückblicken auf das was man in seinem Leben bisher erreicht hat, die Erkenntnis, dass man die „Lebensmitte“ überschritten hat und eine sich daraus entwickelnde Sinnkrise, dass man in seinem Leben vielleicht etwas verpasst haben könnte. Bevor ich der Frage, wie ich meinen Ausstieg mit 57 plane, nachgehe, muss ich mich also erstmal selber fragen, ob das nicht einfach nur eine Midlifecrisis ist, die ich habe. Neudeutsch würde man es vielleicht auch „Burnout“ oder „Erschöpfung“ nennen. Egal, ob Burnout, Erschöpfung, Midlifecrisis oder wie auch immer man es nennen möchte, es ist Zeit, etwas zu ändern und sich darüber Gedanken zu machen, was man machen möchte. Vielleicht sagt jetzt der eine oder andere, dass es mit 57 reichlich spät ist. Warum? Ich glaube je älter man wird, desto mehr reflektiert man sein Leben. Der eine stellt sich die Frage mit Mitte Vierzig, der andere mit Ende Fünfzig, aber am Ende muss man sich im Klaren sein, was man möchte. Wir werden von kleinauf auf Karriere getrimmt: Du musst gut in der Schule sein, Du musst Abi machen, Du musst studieren und wehe, Du bist dann nicht erfolgreich. Das Leben kommt in unserer Gesellschaft zu kurz. Am Ende hat man zwar Karriere gemacht, aber seine Träume aufgegeben. Die alles entscheidende Frage ist also: Will ich wirklich aussteigen, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen und warum will ich das? 

Was für Möglichkeiten haben wir, „Reisen ohne Zeitdruck“ umzusetzen? Eine Sabbatical zu nehmen, wäre eine Möglichkeit, aber es ist oftmals schwierig, das im Unternehmen durchgesetzt zu bekommen. Selbst wenn man das Sabbatcal nehmen könnte, stünde da auch der Zeitrahmen fest und man ist nicht völlig frei vom Zeitdruck. Aber was wäre, wenn ich kündigen würde? Als ich den Gedanken das erste Mal ausgesprochen habe, habe ich mich für verrückt erklärt und gleich als Spaß abgetan. Welcher vernünftige Mensch kündigt seinen Job mit 57? Was ist mit der Rente? Was ist mit der Altersvorsorge? Bin ich vielleicht auch nur mit dem Job unzufrieden? Um diese Fragen zu klären, habe ich eine imaginäre Pro-und-Contra-Liste erstellt.

Der Gedanke auszusteigen war letztendlich so verlockend, dass wir das Ganze immer wieder durchgerechnet haben. Mindestens genauso oft haben wir es aber auch wieder verworfen, bis wir letztendlich beschlossen haben, es zu wagen. Ja, ich bin verrückt. Ich habe jetzt zum 28.02.2022 meinen Job gekündigt. Mitten in der Corona-Pandemie. Ein großes Wagnis, schließlich gehört man, auch wenn man es nicht wahr haben möchte, mit 57 schon langsam zu der Risikogruppe.

Zwei Gründe waren letztendlich ausschlaggebend: Wir sind für so ein Abenteuer noch jung genug  und meine Mutter ist noch so fit, dass sie sich selbst versorgen kann. Also wenn wir es jetzt nicht machen, werden wir es nie tun.

Bleibt also die finanzielle Frage. Man will ja vor allem auch im Alter abgesichert sein. Mit Mitte 30 macht man sich darüber weniger Gedanken, allerdings war ich in dem Alter zu sehr mit meiner Karriere beschäftigt (das Problem, wenn der Job zu viel Spaß macht) und hatte nicht über eine Auszeit nachgedacht. Uns kam jetzt zu gute, dass meine Frau ein bißchen was geerbt hat. Da wir kein Kinder haben, sind wir letztendlich zu dem Schluss gekommen, es zu wagen (big smile).

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